
Seit Wochen wartet er nun schon
auf diesen einen Tag
Erzählt hat er keinen Ton
davon zu allen die er mag
Was er da großes ausheckt
Das willst du wirklich wissen?
Wer jedes Jahr die Eier versteckt
Selbst unter Sofakissen
Geübt hat er eine lange Zeit
dies Rätsel zu ergründen
Nun ist es endlich soweit
die Lösung rauszufinden
Jetzt hör’ gut zu
Ich erzähl’ s dir im nu
Ich fange mal dann
Mit der Geschichte an
Die Sache mit dem Osterhasen
Markus freute sich. Noch zwei Tage, dann war es soweit. Schon seit Wochen hatte er dafür geübt. Er hatte seinen Wecker immer ganz früh gestellt und war die Treppe hinunter und wieder rauf geschlichen. Am Anfang hatte Mama das oft gemerkt und er hatte ihr gesagt, dass er Durst hatte. Seitdem stand stets ein Glas Wasser neben seinem Bett. Dann hatte er sich eine andere Ausrede ausgedacht. Er müsse immer ganz dringend aufs Klo, hatte er Mama erzählt. Und irgendwann war er so leise geworden, dass weder Mama noch Papa es merkten, wenn er früher aufstand. Dieses Jahr würde es klappen. Dieses Jahr würde er ihn sehen, er musste einfach. Markus würde sehen, wo er die Süßigkeiten versteckte und dann würde er ihn verfolgen und sich seine Werkstatt angucken.
Deswegen hatte er geübt. Miriam, seine Freundin von nebenan hatte ihm erzählt, dass der Osterhase Angst bekam, wenn man ihn beobachtete und dass er dann weglief und all die Süßigkeiten und Geschenke wieder mitnahm, deshalb hatte ihn auch noch niemand gesehen. Das wollte Markus nicht und darum übte er den Karfreitag und den Karsamstag doppelt so hart. Er übte schleichen, anpirschen und sich zu verstecken, wie ein echter Indianer. Einmal versteckte er sich so gut, dass er kein Mittagessen bekam, weil Mama ihn nicht finden konnte. Und ein anderes Mal schlich er sich an Papa an, als dieser gerade ein Glas aus dem Schrank nahm. Papa erschreckte sich, als Markus plötzlich hinter ihm stand und das Glas fiel runter und zerbrach.
Er kannte alle Verstecke im Haus und im Garten und wusste sogar welche der Treppenstufen knarrten, sodass er ihnen ausweichen konnte. Der Osterhase konnte kommen, Markus war bereit.
Am Samstagabend wollte Markus früh ins Bett gehen, doch als er seinen Wecker stellen wollte, merkte er, dass er nicht tickte. Die Batterien waren weg. Markus durchsuchte sein ganzes Zimmer, aber die Batterien blieben verschwunden.
Er schlich sich nach unten, Mama und Papa saßen vom Fernseher. Als Markus ins Zimmer trat, versteckte Papa etwas unter dem Tisch, Markus tat, als hätte er nichts gesehen. „Mama? Mein Wecker geht nicht mehr, die Batterien sind weg.“, sagte Markus und versuchte traurig zu gucken.
„Markus, Schatz“, sagte Mama müde, „du brauchst doch jetzt keinen Wecker. Geh schlafen, ich weck dich morgen.“
Markus durchschaute ihren Trick. So war das also, Mama und Papa steckten mit dem Osterhasen unter einer Decke und hatten Markus’ Batterien geklaut, Aber das machte nichts, er kannte noch andere Möglichkeiten früh aufzuwachen.
„Na gut“, sagte er, „ich geh nur noch schnell was trinken.“
„Mach das, gute Nacht“, murmelte Papa und konzentrierte sich wieder auf den Fernseher.
Markus ging in die Küche und füllte sich ein Glas mit Wasser. Diesen Trick hatte er aus Indianerfilmen gelernt. Die Krieger tranken am Abend vor einer Schlacht viel Wasser, um am nächsten Morgen den Angriff nicht zu verschlafen.
Ein paar Minuten und viele Wassergläser später legte Markus sich mit einem fröhlich gluckernden Wasserbauch ins Bett und schlief bald ein.
Einige Stunden später wachte Markus auf. Es kam ihm vor, als hätte er nur Sekunden geschlafen und er drehte sich auf den Bauch um weiter zu träumen. Sofort meldete sich ein wohl bekanntes Gefühl und er sprang aus dem Bett. Beinahe wäre es schief gegangen, wie hatte er das nur vergessen können?
Auf dem Weg durch den Flur zum Bad warf er einen blick aus dem Fenster. Es war noch dunkel, sehr gut, dann hatte er genug Zeit.
Markus verzichtete darauf, zu spülen, Mama und Papa würden davon aufwachen und ihn zurück ins Bett schicken.
Er rieb sich die letzte Müdigkeit aus den Augen. Wenn er mit dem Osterhasen fertig war, musste er unbedingt ein dringendes Wörtchen mit dem Sandmann sprechen. Er hielt die Luft an und schlich lautlos die Treppe runter. Die dritte Stufe von oben und die fünfte von unten ließ er aus. Sie knarrten und würden ihn verraten.
Als erstes wollte er gucken, was Papa am Tag zuvor versteckt hatte. Im schwachen Dämmerlicht des anbrechenden Ostersonntages trippelte er auf nackten Füßen durchs Wohnzimmer und sah unter den Tisch. Nichts. Nur ein paar Staubfussel und ein vor Wochen vergessener Keks vegetierten dort vor sich hin. Markus untersuchte den Boden. Spurenlesen war wichtig, das hatte er auch aus den Indianerfilmen. Da war ein roter Fleck im Teppich, der gestern noch nicht da gewesen war. Hatten Mama und Papa Wein getrunken? Nein, daran konnte Markus sich nicht erinnern. Und hier, einige Zentimeter weiter, war noch einer, aber der war grün. Es gab kein Getränk, das solche Flecken machen konnte.
Markus kam ein dunkler Verdacht. Doch ehe er weiter darüber nachdenken konnte schreckte ihn ein Knarzen hoch. Das war die dritte Stufe von oben gewesen. Und da, ein zweites Mal, jetzt die fünfte von unten. Da kam jemand. Markus hörte schwere Schritte im Flur und kroch unter den Tisch. Niemand durfte ihn sehen.
Inzwischen war es heller geworden, bald musste der Osterhase im Garten sein. Wer auch immer da war, er sollte verschwinden, sonst musste Markus wieder ein Jahr warten. Die Schritte betraten das Wohnzimmer. Markus betete, dass sein Versteck unentdeckt blieb. Jetzt kamen Pantoffeln in sein Blickfeld. er kannte sie und er kannte auch die Füße, die in ihnen steckten. Die Pantoffeln mit den Füßen durchmaßen rasch den Raum und erreichten die Terrassentür ohne einmal anzuhalten.
Etwas knisterte und Markus sah eine große Plastiktüte, die neben den stoppeligen Beinen, die über den Füßen waren, in der Luft hing.
Markus’ Verdacht verhärtete sich.
Die Terrassentür öffnete sich und Beine, Füße, Pantoffeln und Tüte verschwanden.
Markus schob sich ächzend aus seinem Versteck. bald würde er zu groß für dien kleinen Freiraum unter dem Couchtisch sein. Er schlich zum Fenster. Jetzt wollte er Gewissheit.
Mit einem leisen lächeln beobachtete er, wie die dunkle Gestalt dort im Garten sich hastig hin und her bewegte, sich manchmal bückte und etwas ins Gras fallen ließ und sich manchmal streckte und etwas in die Äste eines Baumes legte.
Endlich wusste Markus, was Sache war. Gähnend und mit schläfrigen Augen schlich er zurück in sein Bett und schlief sofort ein.
Der Stunden später weckte Mama ihn. Schlaftrunken erhob er sich und folgte ihr in die Küche, wo ein wundervolles Frühstück und sein nervtötender kleiner Bruder auf ihn warteten.
„Beeil dich, Schlafmütze, sonst geh ich alleine suchen!“, quäkte der und nippte an seinem Kakao.
Papa saß auch schon am Tisch. Vor ihm stand eine Tasse dampfenden Kaffees, in der Hand hatte er die Zeitung.
„Na, wie hast du geschlafen, mein Sohn?“, fragte er und legte die Zeitung weg.
„Sehr gut.“, grinste Markus und blinzelte die letzten Schlafkörnchen aus den Augen. Er musste wirklich mal ein Wörtchen mit dem Sandmann sprechen. Er schien ihm immer eine Extradosis zu geben. Markus beobachtete Papa neugierig. Er hatte rote Flecken an den Fingern, die den roten Flecken auf dem Teppich verdächtig ähnlich waren.
„Nun trink deinen Kakao, dein Bruder kann es kaum noch erwarten“, sagte Mama und stellte eine Tasse vor Markus auf den Tisch. Der Kakao schmeckte köstlich, trotzdem musste Markus ihn fast wieder ausspucken, als er Mamas Hände sah. Er unterdrückte ein Lachen. Auch Mama hatte Flecken an den Fingern, aber diese waren grün.
Beim Suchen hielt Markus sich zurück. er kannte die Verstecke ja alle schon und deswegen war es für ihn eher ein Finden. Und Finden machte nur halb so viel Spaß wie Suchen. er wusste, dass Mama und Papa merkten, dass es ihm nicht s richtig Spaß machte, also tat er so, als ob und freute sich spaßeshalber über jedes Osterei, das er „fand“. Der Gedanke an das, was er heute Nacht herausgefunden hatte, half ihm und brachte ihn immer wieder zum Grinsen.
Am Nachmittag traf sich seine Familie mit der von Miriam zu Kaffee und Kuchen und Markus spielt mit Miriam in ihrem Zimmer.
Irgendwann gab er sich einen Ruck und fragte: „Weißt du was?“
„Nee“, sagte sie, „Was denn?“
„Ich weiß jetzt wer der Osterhase ist und wo er wohnt!“
„Echt?“ Neugierig schaute sie ihn an.
„Ja, ich bin heute Nacht aufgestanden und hab ihn gesehen.“
Miriam schnappte nach Luft: „Niemand hat das bisher, bist du ihm gefolgt?“
Markus schüttelte den Kopf und lachte: „Das brauchte ich gar nicht.“
Miriam wirkte verwirrt und das brachte Markus noch stärker zum Lachen. Als er sich beruhigt hatte ging er ganz nah an ihr Ohr und flüsterte: „Versprichst du, dass du es niemandem weitererzählst?“
Seien Freundin nickte heftig. Er ging noch näher an ihr Ohr und flüsterte noch viel leiser, so dass sie es kaum hören konnte, vier einfache Worte: „Es ist mein Papa!“
Markus‘ Entdeckung schein wenig überraschend, seine Schlussfolgerung dafür umso mehr. Aber warum sollte er auch die Existenz des Osterhasen verleugnen, nur weil er sah, dass sein Vater all die Dinge versteckt?
Machen wir einen Sprung. In eine andere Zeit, ein anderes Leben, zu anderen Lebewesen. „Der Vogel, der nicht fliegt“ ist eine Geschichte, die, ich muss es ehrlich zugeben, nicht ganz durch meine eigenen Ideen entstanden ist. Es ist eine Parabel. Ich hörte, wie das Mädchen, dem ich gehöre, eine andere Geschichte hörte. Ich hörte Bruchstücke, ja den Anfang nur, doch als das Mädchen mich daraufhin bat, ihr wieder einmal eine Geschichte zu erzählen, da konnte ich den Stil nicht vergessen.
„Der Vogel, der nicht fliegt“ ist eine Folge daraus.