Sie sitzt alleine dort im Haus
einsam und verlassen dort
sie heult sich die Augen aus
denn ihr Sohn ging von ihr fort
Warum er ging, das fragt man sich
Warum hat er sie verlassen
Warum versetzt er ihr den Stich
Dafür muss sie sich selber hassen
Sie sagte ihm er soll verschwinden
deshalb ging er weg
jetzt kann sie ihn nicht wiederfinden
nach ihm zu rufen hat keinen Zweck
Jetzt hör’ gut zu
Ich erzähl’ s dir im nu
Ich fange mal dann
Mit der Geschichte an
Krümel, mein Krümel
Sie saß am Küchentisch. Vor ihr stand eine große Anzahl Bierflaschen. Nein, sie hatte sie nicht selbst getrunken. Zumindest nicht alle. Die Hälfte der Flaschen war von heute Morgen. Sie hatte wieder eine Absage bekommen. Hatte gehofft endlich wieder arbeiten zu können, von Hartz 4 konnte doch niemand leben, aber es hieß immer nur Absage. Absage, Absage, Absage.
„Sie sind nicht zuverlässig. Sie haben ein Kind. Wir können nicht verantworten, dass Sie wegen Ihres Kindes Ihren Arbeitsplatz verlassen“, so hatten sie sich herausgeredet. Dabei hatte sie sich extra Mühe gegeben, ordentlich zu wirken.
Danach hatte sie sich an den Tisch gesetzt, um ihre Sorgen herunterzuspülen. Wie sie es immer tat. Alkohol ließ sie alles vergessen. Aber dann war der Junge aufgetaucht. Er hatte die Flaschen gesehen. Mit großen Augen und mit seiner Schultasche in der Hand. Sie vergaß oft, dass Krümel da war. Vergaß oft seinen Namen. Sie nannte ihr Kind Krümel, schon seit sie denken konnte, er war immer so klein gewesen, klein und hilflos. Sie liebte ihn, doch sie vergaß das, wenn sie getrunken hatte. „verschwinde!“, hatte sie ihn angeschrieen, „lass dich hier nie wieder sehen.“ Und Krümel war gegangen. Hatte sich Jacke und Schuhe angezogen und war gegangen. Vielleicht hatte er geweint, vielleicht nicht. Sie konnte sich nicht erinnern. Der Junge war schon oft abgehauen, aber es hatte immer nur ein paar Stunden gedauert, bis er wieder zurückkam. Immer.
Es hatte ihr nie etwas ausgemacht. Krümel war schließlich schon sechs. Alt genug, um alleine um ein paar Ecken bis zum Spielplatz zu gehen.
Aber dann war der Kleine nicht wieder aufgetaucht. Sie hatte bei seinen Freunden angerufen die wenigen die sie kannte. Er brachte sie selten mit. In der Schule und in allen Krankenhäusern. Zuletzt bei der Polizei. Ja, „Polizei, dein Freund und Helfer“, hieß es doch immer. „Wir werden tun, was wir können, aber der Junge taucht sicher von alleine wider auf!“, hatte der schleimige Mann am Telefon gesagt. Das war nun drei Stunden her. Krümel war nicht aufgetaucht.
Draußen am Fenster liefen Kinder vorbei, sie kannte sie nicht. Die Kinder lachten, Krümel hatte auch so gelacht, damals, als alles noch gut war.
Sie hörte Schritte im Treppenhaus und eilte zur Tür. Sie wollte sie gerade öffnen, da waren die Schritte an ihrer Wohnungstür vorbeigegangen und ein Stockwerk höher gestiegen. Sie schleppte sich zurück in die kleine Küche. Es stank nach Alkohol. Sie öffnete das Fenster und sah hinaus. Wie immer war dort nur die dunkle, graue Fassade des gegenüberliegenden Wohnblocks. Die Straße war leer, die Kinder von eben waren verschwunden. Sogar der Himmel war dunkel und grau.
Als Krümel nicht zurückgekommen war, hatte sie beschlossen mit dem Trinken aufzuhören. Sie hatte schon oft zu Krümel gesagt, dass sie aufhören würde, aber nie war es ihr so ernst gewesen wie jetzt.
Sie hatte jede Bierflasche, jede Bierdose im Waschbecken ausgekippt. Hatte nicht lange überlegt und auch alles andere, was Alkohol enthielt weggekippt. Ihre Wohnung war jetzt clean und sie würde es bald werden, dachte sie bitter.
Der Mülleimer quoll über, der Boden war bedeckt mit leeren Flaschen und benutzten Taschentüchern. Eine Stunde lang hatte sie geweint, dann waren keine Tränen mehr da gewesen. Sie setzte sich wieder an den Tisch. Sie wusste nicht mehr, wo sie suchen sollte. Vielleicht kam Krümel ja doch wieder zurück. Sie konnte nichts tun, außer abzuwarten und sich Sorgen zu machen.
Wo war er nur? Ihr Blick fiel auf das Telefon, das auf dem Tische zwischen den Flaschen stand. Vielleicht half das ja, um es zum klingeln zu bringen. Sie wollte Gewissheit. Lag Krümel im Krankenhaus? Oder, noch schlimmer, lag er womöglich irgendwo in einem Gebüsch, unfähig sich zu bewegen? Die Welt da draußen war grausam zu kleinen Kindern. Mein Gott, der Junge war sechs! Viel zu jung um… Das Telefon klingelte!
Sie riss den Hörer ans Ohr. „Hallo? Geht es um Krümel? Wie geht es ihm, ist er verletzt?“ Sie schrie fast. Am andern Ende blieb es still. Dann eine Stimme… ein Band: „Guten Tag. Wir sind vom örtlichen Institut für Umfragen und Statistik, kurz ÖIFUS, und möchten Sie bitten uns einige Fragen im Sinne der Öffentlichkeit zu beantworten. Bitte warten Sie nach jeder Frage den Piepton ab, bevor Sie antworten.“
Sie erstarrte. Der Hörer fiel ihr aus der Hand und sie wartete darauf, dass die Tränen kamen, doch sie hatte schon zu viel geweint. Aus der Hörmuschel drang ihr gedämpft die erste Frage der Umfrage ans Ohr. Sie nahm den Hörer und knallte ihn auf die Gabel.
Verzweiflung nahm sie in Besitz und plötzlich entlud sich ihre ganze Wut in einem gewaltigen Schrei. Sie fegte einmal mit dem Arm über den Tisch. Die Flaschen zerschellten auf den Fliesen.
„Wir werden tun was wir können…“ Und warum hatten sie noch nicht angerufen? Warum hatten sie ihn noch nicht gefunden? Wahrscheinlich suchten sie Krümel nicht einmal. Sie saßen auf ihrem Revier, tranken Kaffee und lachten über sie. Ein kleiner Junge mehr oder weniger auf der Welt, was machte das schon? Und wenn seine besoffene Hartz-4-Mutter sich dann gleich auch noch umbrachte, dann sparte das sogar Steuergelder. Sie konnten dann ja immer noch sagen, sie hätten getan, was sie konnten.
Diese Warterei brachte sie noch um. Warum klingelte das Telefon nicht?
Krümel saß bestimmt irgendwo einsam und hilflos in einer Ecke und dachte, er dürfe nicht mehr nach Hause. Sie hätte ihn nicht anschreien dürfen. Sie hätte nicht trinken dürfen. Sie war so dumm gewesen. Nie wieder würde sie Alkohol trinken, nie, nie, nie, wenn sie nur ihren Krümel wieder hätte. Oh, Krümel, mein Krümel.
Sie erstarrte. Was war das? Ein Klingeln, das Telefon. Sie starrte auf den Hörer. Wieder eine Enttäuschung? Noch eine Umfrage? Oder endlich die Erlösung? „Tut mir leid, wir haben Ihren Jungen gefunden, sieht schlimm aus…“ Nein, soweit durfte es nicht kommen, es ging ihm bestimmt gut.
Das Telefon klingelte immer noch. Mit zitternden Fingern hob sie ab.
Wir werden wohl nie erfahren, ob Krümel rechtzeitig nach Hause gekommen ist und auch nicht, was mit seiner Mutter geschah. Nun möchte ich von einem fröhlicherem Tag zu einer anderen Zeit berichten. Nachdem ich ja schon Amdos Weihnachtsgeschichte erzählt habe, kommt nun Markus Ostergeschichte.