![]() Das Gedicht ist schlicht
Mir fällt nichts ein
Wunder dich nicht
Nicht jeder ist fein
Zu kurz die Geschicht'
Schon fast ein Gedicht
Fast kürzer als dies
Nein, jetzt werde ich mies
Viel mehr fällt mir nicht ein
Mein Kopf ist leer
Die Fantasie stellt mir ein Bein
Machts mir so schwer
Vielleicht frag ich Grip
Den Geheimtipp
Das Ding, fast im Müll
Kam zurück mit Gefühl
Doch mehr will ich nicht sagen
Nicht die schuld in mir tragen
Zu viel zu verraten
Gehört nicht zu den ruhmreichen Taten
Jetzt hör’ gut zu
Ich erzähl’ s dir im nu
Ich fange mal dann
Mit der Geschichte an
![]() Grip
Langsam rollte ich auf die Tischkante zu. Langsam, ganz langsam. Warum sah mich dieses Mädchen nicht? Warum rettete es mich nicht? Ich hatte Angst vor dem Fall. Ich hatte schon von welchen gehört, die es nicht geschafft hatten, die über die Kante gerollt waren. Sie fielen tief, ganz tief. Und dann, wenn sie aufschlugen, brachen sie. Ob Außen oder innen. Das spielte keine Rolle. Wer über die Tischkante rollte, landete im Müll. Wenn nicht am selben Tag, dann in den folgenden drei Tagen. Mir ging meine Freundin durch den Kopf, auch sie ging über die Kannte, wie wir sagten. Seit dem Tag hatte ich sie nie wieder gesehen.
Langsam, ganz langsam kam die Kante näher. Nein, ich wollte nicht in den Müll. Ich holte tief Luft und schrie so laut ich konnte: „HILFE, HILFE, RETTE MICH! ICH WILL NICHT IN DEN MÜLL! HILFE!“
Ich hatte nicht erwartet, dass ich erhört werde, aber immerhin hatte ich die Hoffnung. Gerade als ich über die Kante rollte griff eine Riesige Hand nach mir. Ich atmete auf. Das Mädchen hatte mich gerettet. „Na, da haben wir aber Glück gehabt, kleiner Bleistift. Meine Mutter hätte sicher geschimpft, wenn ich noch einen kaputt gemacht hätte.“ Ich war dem Mädchen so dankbar, dass ich es ansprach.
„Danke, Kleine, danke! Ich bin dir so dankbar.“ Das Mädchen schrie auf und ließ mich fallen. Zum Glück landete ich weich auf ihrem Matheheft.
„Hey, so schlimm bin ich nun auch wieder nicht.“, beschwerte ich mich. Das Mädchen zeigte mit dem Zeigefinger auf mich und stotterte: „Du, du, du kannst sprechen.“
„Natürlich kann ich das, das siehst du doch.“
„A…aber Bleistifte können das nicht.“ Ihr Blick fiel auf eine Zeitschrift. Mit großen Lettern stand dort die Überschrift: „Gibt es Marsmenschen wirklich?“ Sie überlegte kurz und fragte dann ängstlich: „Bist du ein Marsmensch?“
Nun wurde ich langsam ärgerlich. Ich hüpfte hoch und auf sie zu, bis ich mit meiner Bleistiftspitze ihre Nase berührte. Mit großen Augen sah sie mich an, während ich zu ihr sprach.
„Also, ich will hier mal eins klarstellen. 1. Hörst du doch, dass Bleistifte sprechen können, 2. kann ich mich auch bewegen, wie du siehst, und drittens können das all deine Sachen aus der Federtasche.“ Ich drehte mich um und rief zu meinen Freunden: „Kommt raus, Kumpels.“ Darauf kam ein kleiner Zug an Schreibutensilien aus der Federtasche gehüpft und gerollt. Ich stellte sie alle vor. Von Stabilo, dem Fineliner, über Spitzi, dem Anspitzer, bis hin zu mir, Grip, dem Bleistift. „So, und wie heißt du?“, fragte ich das Mädchen, als ich fertig war. „Sofie“, antwortete das Mädchen, das immer noch nicht so richtig zu glauben schien, was sie da sah.
„Also gut, Sofie“, sagte Öko, ein Buntstift aus ökologischem Anbau, „du darfst niemandem von uns erzählen. Sonst stecken sie dich noch in eine Anstalt oder so etwas.“ Sofie nickte entschlossen. So langsam schien es ihr zu gefallen, dass ihre Sachen redeten. Sie traute sich sogar zu fragen, wer von uns gut in Mathe wäre. Sofort meldeten sich Geo, das Geodreieck und Fill, der Füller zu Wort. „Ähm, könntet ihr mir Morgen bei der Mathearbeit helfen? Bitte!“, fragte Sofie sie.
Die Beiden zögerten. „Wäre das nicht Betrug, oder so etwas?“, überlegte Geo.
„So lernst du doch nichts“, gab Fill zu bedenken.
„Bitte, nur dieses eine Mal“, flehte das Mädchen „Wenn ich diese Arbeit nicht gut schreibe, kriege ich ernste Probleme.“
„Nur dieses eine Mal“, schaltete ich mich ein, denn schließlich hatte ich etwas gut bei dem Mädchen.
„Versprich uns etwas, Sofie.“
„Was denn?“
Geo nannte die erste Bedingung: „Pass ab jetzt in den Unterrichtstunden auf, damit wir dir nicht mehr helfen müssen, anstatt mit einem von uns herumzuspielen.“
„Und versprich uns“, ergänzte Fill, „dass du nun besser auf uns aufpasst und nicht mehr die…“ er schluckte und schwieg.
„…die Kante hinunterrollen lässt“, half ich ihm. Auch Fill hatte schon viele fallen sehen, durch eine seltsame Fügung waren wir beide bisher verschont geblieben. Aber die Angst vor der Kante war allgegenwärtig.
Das Mädchen sah uns an. Von einem zum andern. Starrte auf die Tischkante, die aus ihrer Sicht wahrscheinlich nicht solch eine große Gefahr darstellte.
Dann seufzte sie. „Na gut, überredet“, sagte sie schließlich, „mir bleibt ja nichts anderes übrig.“
Die Mathearbeit am nächsten Tag war kein Problem mehr. Am Nachmittag überraschte sie uns mit einer kleinen Konstruktion. An den Seiten ihres Tisches hatte sie Bücher aufgestellt und auf dem Boden eine Decke gelegt. „Zu eurem Schutz“, erklärte sie mit einem zwinkern.
Als ihre Mutter das Zimmer betrat, schaute sie zunächst überrascht, sagte aber nichts. Von TBK, dem Kugelschreiber, mit dem Sofies Mutter in ihr Tagebuch schrieb, erfuhr ich später, das diese das seltsame Verhalten ihrer Tochter als Phase abgetan hatte, die bald wieder vorbei sein würde.
Aber auch, wenn dies stimmte und die Bücher-Decke-Sicherung bald wieder vom Schreibtisch verschwand, ihr Versprechen hielt Sofie. Nie wieder sah ich einen Stift über die Kante gehen. Und seit dem Tag, an dem Sofie mich gerettet hatte, verband uns etwas, das uns nie wieder trennte. Denn ich war es, dem sie später ihre tiefsten Geheimnisse erzählte. Ich erzählte nie eines dieser Geheimnisse weiter. Sofie behielt mich, bis ins hohe Alter, bis auch ich uralt war und nur noch ein kleiner Bleistiftstummel. Es ist schon seltsam. Menschen kommen winzig zur Welt und wachsen im Laufe ihres Lebens. Doch Bleistifte, wie ich es einer gewesen bin, Sind am größten, wenn sie die Fabrik verlassen, in der sie hergestellt wurden. Ihre größte Länge haben sie in dem Augenblick, in dem ihnen Leben eingehaucht wird. In dem Augenblick, wenn das erste Mal mit ihrer Bleistiftspitze ein Blatt Papier berührt wird, fangen sie an zu leben.
Aber von diesem Augenblick an, werden sie immer kleiner. Winzig, bis sie nur noch ein kleiner Stummel sind und dann ist ihr Leben vorbei. Dann sterben die Stifte, denn dann müssen sie ihren Besitzer verlassen. Ich werde sterben, wenn Sofie mich verlässt. Ich werde zu dem Zeitpunkt diese Welt verlassen, wenn auch ihr Leben zu Ende geht. So ist das Leben, so ist es immer gewesen und so wird es auch in Zukunft sein.
So erzählte es mir ein Bleistift. Du glaubst es nicht? Nun, dann solltest du vielleicht daran denken, dass du gerade den Geschichten eines Steines lauschst oder sie liest.
Glaube nicht immer alles, das du nicht kennst, sei unwahr und falsch. Viele Dinge könnten sich als wahr erweisen.
Nun habe wieder etwas zum Nachdenken, lieber Leser. Willst du lieber ausruhen? WIllst du lieber eine Pause machen? Wenn ja, kein Problem, wenn nein, dann geht es für dich mit der Geschichte von ihr und ihm weiter.
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