
Ein kleiner Vogel fliegt
Durch hohe Lüfte fliegt er
Dann vom großen besiegt
Seine Verletzung wiegt schwer
Wie schafft er es nun
weiterzuleben
weiter so zu tun
als gäb‘s nichts zu beheben?
Jetzt hör’ gut zu
Ich erzähl’ s dir im nu
Ich fange mal dann
Mit der Geschichte an
Der Vogel, der nicht fliegt
Eine Parabel über den Roman „Mein Name sei Gantenbein“ von Max Frisch
Man stelle sich vor, da sei ein Vogel. Hoch über der Erde fliegt er, gleitet durch die Luft, lässt sich vom Wind tragen, jagt im Sturzflug dem Boden entgegen, doch kurz vor dem Aufprall fängt er sich auf, breitet die Flügel aus und schwingt sich majestätisch empor. Man stelle sich vor, der Vogel würde angegriffen. Ein großer Adler oder Bussard streckt seine Klauen aus und jagt im nach. Er greift den kleineren am Flügel, hält ihn fest, ganz fest. Der Vogel kämpft, wehrt sich, windet sich unter den Schmerzen und kann schließlich entkommen. Er fällt zu Boden, denn die Flügel sind gebrochen. Kein Schwingen durch die Lüfte, kein Entfliehen in den Himmel ist möglich. Er schleppt sich über den Boden. Über ihm kreist der Adler oder Bussard, bereit für den nächsten Angriff. Doch der Vogel entflieht, versteckt sich im Gebüsch und sitzt dort mit pochendem Herzen, kaum fähig vor Schmerzen zu atmen, vor Angst Luft in seine kleinen Lungen zu pumpen.
Man stelle sich vor, es gäbe einen Menschen. Er findet den Vogel, pflegt ihn, doch befürchtet, dass er nie wieder wird fliegen können. Der kleine Vogel sitzt in seinem Kasten, mit verbundenen Flügeln. Er schaut in den Himmel, betrachtet das tiefe Blau und die weißen Fetzen, die das Blau ergänzen und den Himmel vollkommen machen. Er hört die Sorgen des Menschen und akzeptiert sie. Er lernt zu hüpfen, zu laufen, auszukommen mit seinen kurzen Beinen, zu leben ohne Flügel. Und dann kommt der Tag, an dem der Verband gelöst wird. Der Vogel spürt, dass er fliegen kann, dass er nur die Flügel ausbreiten muss und sich dann in die Lüfte erheben kann. Doch er tut es nicht. Er sitzt in seinem Kasten und schaut den Menschen an. Dann hüpft er davon.
Die Flügel behindern ihn. Nicht lange dauert es, da bittet er um einen Verband, bindet sich die Flügel fest an den Körper, auf dass sie nicht mehr stören.
Man stelle sich vor, der Vogel treffe eine Vogeldame. Sie findet ihn exotisch. Ein Vogel, der nicht fliegt. Sie bauen ein Nest, gemeinsam, nah am Boden, doch so, dass keine Raubtiere vom Boden es erreichen. Er bleibt im Nest, während sie davonfliegt. Der Vogel hat Angst, alleine, ohne seine Liebe. Schließlich nimmt er die Binde ab. Nur wenn niemand ihn sieht und fliegt ihr nach, ohne dass sie es merkt. Sie trifft sich mit einem Anderem, das weiß er. Er sieht, wie sie zusammen fliegen. Über den Himmel, nahe der Wolken, doch nicht zu hoch. Zwitschernd und singend hüpfen sie durchs Gebüsch, nahe an ihm vorbei, doch weit genug entfernt. Er sitzt versteckt zwischen Blättern, mit laut klopfendem Herzen, ohne entdeckt zu werden. Sieht, wie sie zusammen fliegen, Zweige und Schlamm sammeln, ein Nest bauen.
Er kann nicht zu ihnen, denn dann müsste er fliegen. Er kann es, doch sie darf es nicht wissen. Ein Vogel, der nicht fliegt, ist nicht besonders. Ein Vogel, der lügt, ist verwerflich. Doch wenn sie es nicht weiß, ist alles gut.
Also nimmt er es hin. Erlaubt ihr betragen, ihr Fremdgehen, Fremdfliegen. Er fliegt zurück zu ihrem Nest, nah am Boden, legt die Schlinge an, wartet auf ihre Rückkehr und stellt sich vor, dass sie wunderbar ist, dass er glücklich ist, eine Vogelfrau zu haben, die ihn liebt, auch wenn er sie mit einem anderen teilen muss.
Und wenn er dort sitzt und wartet stellt er sich vor, er sei der andere. Er sei der, der mit ihr durch die Lüfte schwebt. Ein Nest mit ihr baut. Ein Lied mit ihr singt. Und er ist glücklich.
Der Vogel kann einem auf dem ersten Blick leid tun. Doch wenn man näher hinschaut, erkennt man, dass er dennoch glücklich ist. Glücklich auf eine ganz andere Art und Weise, als wir es gewohnt sind. Eine ganz andere Geschichte, zwar genauso kurz und seltsam, aber mit viel versteckter Nachricht, habe ich neulich gehört. Es ist mir nicht ganz gelungen, diese Nachricht zu entschlüsseln. Vielleicht gelingt es dir, wenn du
die Geschichte vom See, den Schwänen und Durchhaltevermögen liest.