Die Geschichte eines Steins![]() Hallo, ich bin ein Stein. Ja, ja, du denkst jetzt: „Ein Stein? Ein Stein kann nicht sprechen.“ Ich schon. Ich bin nämlich ein besonderer Stein. Ich kann reden denken und fühlen. Halte mich an dein Ohr und lausche meiner Stimme. Ich erzähle dir eine ganz besondere Geschichte. Meine Geschichte. Sicher glaubst du jetzt, die Geschichte eines Steins kann nicht sehr spannend sein. Meine ist es. Glaube ich jedenfalls. Ich fange einfach mal an. Ich komme aus dem Weltraum. Leider weiß ich nicht mehr von welchem Planeten. Schließlich ist das alles ja schon sehr lange her. Ich weiß nur noch dass ich zusammen mit anderen Steinen abgebrochen bin. Von dem Planeten meine ich. Danach bin ich mit rasender Geschwindigkeit in Richtung Erde gedüst. Aber nicht alleine. Die anderen Steine sind mitgekommen. Beim Eintritt in die Atmosphäre fingen wir alle an zu glühen. Hast du schon mal geglüht? Ich kann dir sagen, so etwas ist nicht sehr angenehm. Auch nicht wenn man ein Stein ist. Es war so heiß, ich dachte schon ich verglühe. Bin ich aber zum Glück nicht. Ich bin dann mit einem Feuerschweif hinter mir auf der Erde aufgeschlagen. Ach ja. Der Meteoritenhagel, mit dem ich gekommen bin, ist mit Schuld am Aussterben der Dinosaurier. Ich habe jetzt noch ein schlechtes Gewissen. Mein Aufschlag hat nämlich einen Krater mit mindestens 10m Durchmesser hinterlassen.
Danach kam die Eiszeit. Die erste der insgesamt 5, die ich durchstehen musste. Alle liefen ungefähr gleich ab. Als Erstes wurde ich im Eis eingeschlossen und ich erfror fast vor Kälte. Sofern das ein Stein kann. Ich habe nämlich noch nie von einem solchem gehört. Danach wurde ich per Gletscher so um die tausende Kilometer weit durch die Gegend geschleppt, um dann, nach dem Auftauen des Eises, erstmal die nächste Wärmeperiode zu überstehen und die nächste Eiszeit abzuwarten. Zwischendurch wurde ich von Mammuts getreten, Säbelzahntiger und Ähnliches haben auf mir herumgekaut und ich wurde von Greifvögeln gepackt, weil die glaubten, ich wäre zum anbeißen. Haha, sehr witzig. Soviel also zu den Eiszeiten und Wärmeperioden.
Nach der letzten Eiszeit wurde ich von einem Menschenjungen gefunden. Er hat mich zu seinem Stamm gebracht, wo die Erwachsenen mich scharf beäugten. Komisch was konnte an einem Stein aus dem Weltraum interessantes dran sein. Außer seine Geschichte. Kurz danach erfuhr ich warum sie mich so seltsam anschauten. Ich scheine wohl, aus einem ziemlich harten Material zu sein. Die haben mich stundenlang geschmirgelt und an mir herum geklopft, bis ich nur noch halb so groß war. Und dann, als sie fertig waren, war ich ein Werkzeug und gehörte dem Jungen. Jetzt war ich spitz, scharf und sie hatten mir ein Holzstück angebunden und somit war ich genau richtig als Messer zu gebrauchen. Ich war richtig stolz auf meine neue Form. Aber so richtig Großes durfte der Junge mit mir noch nicht leisten. Er musste erst üben mit einem Messer wie mir umzugehen. Aber dann, als er richtig gut war und groß und stark, durfte er auf die erste große Jagt mitkommen. Es wurde ein Hirsch gejagt und der Junge durfte ihm den Todesstoß versetzten. Er war glücklich, denn danach wurde er in die Männergruppe aufgenommen. Aber ich war traurig. Ich wollte kein Messer sein, dass zum Töten verwendet wird sondern eines, das zum Säubern der Häute gebraucht wird. Aber ich freute mich trotzdem für den Menschenjungen. Im Laufe der Zeit wurde er größer und älter. Sein Stamm zog weiter und weiter und eines Tages, wir befanden uns im Norden Afrikas in der Nähe des heutigen Nils, da zog der Stamm ohne mich weiter. Der Junge, der jetzt ein Mann war, hatte mich einfach weggeworfen. Ich war zwar etwas abgenutzt, aber immer noch flach und gut zu gebrauchen und das ist doch auch kein Grund mich wegzuwerfen, erst recht nicht wo ich ihm doch soviel Dienst erwiesen habe. Ich war wütend, traurig und enttäuscht zugleich. Aber was soll ein Stein machen, wenn er weggeworfen wird? Richtig, - alles still und leise über sich ergehen lassen. Tja, nun lag ich da im Urwald und konnte nichts tun. Ab und zu krabbelten Spinnen und Käfer über mich. Das kitzelte ein wenig und verkürzte mir meine Wartezeit, worauf immer ich wartete. Eines Tages kam eine Schlange. Sie sprach mich an. Bis dahin hatte ich nicht gewusst, dass Tiere mit mir reden konnten. Die Käfer und Spinnen hatten mich nur als Gehweg benutzt und nicht als Gesprächspartner. Die Schlange fragte mich: „Wie heißt du? Ich heiße Schlängel.“ Ich antwortete: „Ich heiße Stein.“ Darauf fragte Schlängel mich: „Was tust du hier, Stein und woher kommst du?“ „Ich komme aus dem Weltall und liege hier nur so rum.“, antwortete ich. „Aus dem Weltall? Wo ist das?“
„Du weist nicht wo das Weltall liegt? Na gut, dann werde ich es dir erklären. Tags steht ja diese leuchtende Scheibe am Himmel. Kennst du die?“
Schlängel nickte.
„Das ist die Sonne. Und nachts ist eine nicht ganz helle Scheibe dort, die immer dünner und dicker wird. Das ist der Mond. Um den Mond herum sind ganz viele leuchtende Punkte. Das sind die Sterne. Die Sterne sind eigentlich auch Sonnen, aber das wäre zu kompliziert. Die Sterne sind riesengroß und sehr, sehr, sehr weit weg. Da wo die Sonne, der Mond und die Sterne zuhause sind, da ist das Weltall.“, erklärte ich. „Aha, interessant.“, sagte Schlängel. Von dem Tag an kam Schlängel jeden Abend zu mir. Wir schauten uns den Sonnenuntergang an und erzählten uns Geschichten. Welche die wir selbst erlebt hatten, welche, die wir gehört hatten, und welche, die wir selbst erfunden hatten. Eines Abends brachte Schlängel einen Schlängerich mit und nun saßen wir abends zu dritt zusammen und erzählten uns Geschichten. Die Jahre vergingen und die beiden Schlangen bekamen kleine Schlangenkinder. Und ich erzählte auch ihnen Geschichten. Aber dann kam die Zeit in der auch Schlängel und ihre Familie gehen mussten. Es kam eine Dürre und sie mussten weg, weil sie kein Futter mehr fanden. Ich war wieder traurig und verlassen.
Die Zeit verging. Aus dem Urwald wurde erst eine Steppe, dann eine Wüste. Die Erde hob sich an und ein kleiner Steinberg entstand. Und bald kamen wieder Menschen. Sie hatten bessere Werkzeuge als die ersten mit denen ich Kontakt hatte. Aber auch sie erkannten meine Härte und Festigkeit. Sie benutzten mich um Steine von dem Berg abzuschlagen. Es waren große Steine. Lang wie zwei Menschen, groß wie ein Mensch und breit wie ein Mensch. Einer der Arbeiter nahm mich mit auf ein Schiff, auf dem die Steine zu einem großen Baugebiet gebracht wurden. Dort wurden die Steine abgeladen und aufgestapelt. Es dauerte ewig bis das Gebäude fertig war. Selbst für einen Stein der so alt war wie ich. Aber dafür lohnte es sich. Als es nämlich fertig war, stellte sich heraus, dass der Architekt große Arbeit geleistet hatte. Nun standen dort drei Gebäude, die unten viereckig waren, dreieckige Seiten hatten und oben spitz zuliefen. Es waren Pyramiden, wie ich später erfuhr. Neben den Pyramiden war etwas, das vom Körper her eine Katze war und vom Kopf her eine Frau. Die Sphinx. Ich lag ewig dort im Wüstensand und konnte zusehen, wie die Nase der Sphinx langsam bröckelte. Sandstürme bedeckten mich und gruben mich wieder aus, es war ein reines hin und her. Irgendwann kamen die Römer und gingen wieder. Es kamen europäische Eroberer und gingen wieder. Und irgendwann kamen Archäologen. Sie blieben erstmal und busselten in der Erde herum. Wie dumm von ihnen, sie hätten mich ja auch fragen können. Haben sie aber nicht. Na ja, immerhin haben sie mich aufgehoben und mitgenommen. Wer weiß, vielleicht haben sie meine Herkunft erkannt und wollten diese untersuchen. Sie schmissen mich auf einen Laster und dann ging es den holprigen Weg zur Küste. Rauf aufs Schiff und aufs Mittelmeer. Zwischendurch haben uns Delfine begleitet. Kurz vor Malta bin ich von Bord gefallen, nur weil so ein Blödmann von Matrose gegen mich gestoßen ist. Ich bin erst mit einem Plumps ins Wasser gefallen, und zwar bevor ich rufen konnte: „Hilfe, Stein über Bord!“, und dann bin ich direkt im Maul eines Delfins gelandet. Der hat das gar nicht gemerkt. Irgendwann ist er von einem Fischfangnetz erwischt worden und das waren sein Ende und meine Befreiung. Nun war ich in Spanien, an der „Costa de la Sol“. Ja, richtig ich war nämlich nicht aus dem Wasser raus sondern immer noch drinnen. Das Meer brachte mich von Strand zu Strand und nutzte mich immer weiter ab bis ich runder und runder wurde.
Es kam der 1. Weltkrieg und ging, kaum dass ich etwas davon mitbekam. Das Meer hatte mich schon vor Großbritannien gebracht, als der 2. Weltkrieg kam. Ich lag kurz unten vor dem Strand im Wasser. Oft flogen Flugzeuge über mich hinweg und manchmal warfen sie Bomben ab. Zwei mal wurde ich fast getroffen. Als ich in der Nähe des Strandes in der Normandie landete, kam der D-Day, der alles entscheidende Tag im 2. Weltkrieg. Schiffe landeten vor der Normandie, Soldaten stürmten auf den Strand zu, Schüsse fielen. Es war höllisch was los. Es dauerte nicht lange, dann trieben etliche Leichen im Wasser, denn Hitlers Leute waren nicht unvorbereitet gewesen. Aber nicht nur den Soldaten ging es schlecht. Ich wurde auch nicht gerade gut behandelt. Ich wurde getreten, geschubst angeschossen und zuletzt von dem Einen auf den anderen Soldaten geworfen. Ich muss zugeben ich war gut gezielt. Direkt an die Stirn hab ich ihn getroffen. Aber trotzdem ist das eine Art mit einem Stein wie mir umzugehen? Ich denke nicht. Es dauerte nicht lange dann, war Hitlers Armee überwältigt und an dem Strand, auf dem ich nun lag, kehrte wieder Ruhe ein.
Und dann wurde ich gefunden. Von einer Sammlerin. Einem Mädchen, das in der Normandie in Urlaub war. Es kam aus Deutschland und nahm mich mit. Ich war froh endlich wieder bei einem Kind zu sein. Kinder sind immer so liebenswürdig zu allem. Auch wenn ich nur ein Stein war. Das Mädchen sprach mit mir und legte mich zu ihrer Sammlung. Ich freundete mich mit den anderen Steinen an und irgendwann kam das Mädchen auf die Idee mich an ihr Ohr zu halten. Und dann sprach ich es an. Ich erzählte wer ich war und woher ich kam und das Mädchen hörte mir gespannt zu. Jeden Abend erzählte ich ihr nun Geschichten und das Mädchen schrieb sie auf. Die erste davon liest du jetzt lieber Leser. Eine ganz besondere Geschichte. Meine Geschichte. Die Geschichte eines Steins, der vor vielen Millionen Jahren aus dem Weltraum kam und seit dem viel erlebt hat. Die Geschichte eines Steins der sprechen, fühlen und denken kann. Die Geschichte eines Steins, der viel erzählen kann und will. Und die Geschichte eines Steins, den du dir nur ans Ohr halten musst und er erzählt dir die tollsten Geschichten.
Wie auch die Geschichte vom Fremden. Ich hörte sie vor langer Zeit. Ich weiß nicht mehr wo, ich weiß nicht mehr wann. Ich weiß nur noch den genauen Wortlaut. |
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